Nora Gruber

September 2014 – März 2015
Kontakt info@wolfscience.at
Projekt am WSC Tierpfleger
Lieblingstier am WSC Geronimo

Seitdem ich denken kann, hatte ich schon immer eine Leidenschaft: Tiere. Und wenn es unter den Tieren einen König gäbe, dann wäre das der Wolf. Ich bewundere ihn in allem, in dem er uns gleicht  und  in allem,  in dem er sich von uns unterscheidet. Deshalb war meine Antwort auf die Frage „Was willst du nach der Schule machen?“ immer dieselbe: „Etwas mit Wölfen.“ Und auch wenn das ein doch eher ungewöhnlicher Traum ist, bin ich mir durchaus bewusst, wie viele ihn teilen. Ich bin nicht die erste Praktikantin, die aus Liebe zu den unglaublichen Tieren hier ist und werde sicherlich nicht die letzte sein. Dennoch war ich überrascht, wie viele Menschen hierher kommen, die zwar an Tieren im Allgemeinen, jedoch nicht am Wolf im Speziellen interessiert waren, sondern aus ganz unterschiedlichen Gebieten stammten. Und trotzdem trifft man auf so viele Gleichgesinnte und ich kann nicht umhin zu sagen – so sehr ich die Tiere auch liebe – dass es vorallem auch an den Menschen lag, die dieses halbe Jahr zu einer der besten Erfahrungen meines Lebens gemacht haben. 

Anders als die meisten, bin ich für ein nichtwissenschaftliches Praktikum als Tierpflegerin hierergekommen. Warum? Ganz einfach, ich bin erst 18 und frisch von der Schule. Meine Entscheidung, nicht gleich zu studieren, sondern zunächst raus in die Welt zu gehen um erwachsen zu werden, war eine der besten, die ich je getroffen habe und ich hatte unwahrscheinliches Glück, an einem solchen Platz zu landen. Die Arbeit als Tierpfleger schließt 8 Stunden am Tag, fünf Tage die Woche ein und alle Aufgaben, die man sich vorstellen kann. Von Mithilfe in allen anderen Projekten (man bekommt unglaublich tolle und vielseitige Einblicke), über touristische Aufgaben ("Spaziergang mit einem Wolf" ist klasse!), Putzarbeiten (kommentarlos), Futterzubereitung (man braucht einen starken Magen), Tiertraining (alle hier Wissen eine Menge, man kann echt viel mitnehmen) oder was halt sonst gerade so ansteht. Animal Care (Tierpflege) steht natürlich jeden Morgen auf dem Programm und ich habe die friedlichen, ersten Stunden des noch jungen Tages allein mit den Tieren wahnsinnig genossen. Es erfüllt einen mit Stolz und wilder Freude zu sehen, wie die sonst so scheuen Tiere langsam Vertrauen zu einem fassen und eine beidseitige Sympathie erwächst, weil Mensch und Tier lernen, hinter die Fassade des jeweils anderen zu blicken und dort etwas wiedererkennen.

Man lernt wahnsinnig viel, sei es solide, beheizbare Hundehütten zu bauen, ein Reh auszunehmen, die Körpersprache der Tiere selbst im Schlaf zu lesen, wie man die Kälte überlebt, dass nicht nur Sprachbarrieren zu Kommunikationsschwierigkeiten führen können und wie man beides überwindet, Rudelhunde zu spazieren, wie eine Vasektomie funktioniert, warum man immer zwei Leute für einen Wolfsspaziergang braucht, dass es sehr wohl schlechtes Wetter gibt, aber dass man mit guter Kleidung einen Großteil kompensieren kann oder in welchem Winkel man Hühner am besten wirft, dass sie über und nicht am Elektrozaun landen. Außerdem unglaublich viel über Kognitions- und Sozialverhalten der Wölfe, Hunde und Menschen. Es liegen ein paar außergewöhnliche Monate hinter mir und ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht das letzte Mal sein wird, dass ich unsere große, bunte Familie, hier am Wolfsforschungszentrum besuchen komme. 

Es hat mich keine zwei Tage gekostet, um die Namen der Wölfe zu lernen. Drei bei den Hunden. Anfangs achtet man noch auf Größe, Fellfarbe oder Eigenheiten, später beginnt man die Tiere anhand ihres Verhaltens, Körpersprache, Mimik und Gestik außeinanderzuhalten. Dann rückt der Charakter in den Vordergrund. Die Perönlichkeiten am WSC sind so zahlreich wie unsere Tiere, so haben wir scheue, vorsichtige Wölfe wie Una oder impulsive Draufgänger wie Amarok. Wir haben intelligente, aufmerksame Wölfe wie Yukon oder charakterstarke, durchsetzungsfähige wie Kaspar. Aber einer hat mich ganz besonders beeindruckt.

Die meisten Menschen, die hierher kommen sagen, Geronimo ist unser schönster Wolf, wegen seiner unleugbaren Anmut, seiner Stärke, seiner wolfstypischen Zeichnung und seinem prächtigen Fell. Ich sage, er ist der schönste Wolf, wegen seines Charakters. Von all unseren Alphatieren hat er die beste Art, mit seinen Rudelgenossen umzugehen, er ist selbstsicher genug, um nicht immer alle dominieren zu müssen, bedacht und unabhänging genug, um sich von fremden Menschen fernzuhalten und es liegt etwas Wissendes in seinem Blick, eine Vorsicht, die über gewöhnliche Scheu hinausgeht. Es braucht viel, dass er Vertrauen zu einem fasst, aber wenn er das erst einmal tut, dann kann man sehen, wie das Bernsteingelb seiner Augen weicher wird, wenn er dich ansieht und du weißt, dass er dich akzeptiert hat. 

Ich bin keine Wissenschaftlerin und werde es wahrscheinlich auch nie sein. Ich bin noch sehr jung und das ist mir bewusst. Aber eines weiß ich:  Man braucht den Mut, um zu tun, was einen glücklich macht und den Willen, um seinen Träumen nachzujagen. Tja, und wenn diese Träume Wolfsträume sind, dann ist hier der beste Ort, um damit zu beginnen.