Unser Forschungsansatz

Intelligenzleistung und Kooperationsfähigkeit von Wölfen und Hunden

Auf diesen Seiten versuchen wir zu erklären, warum wir gerade mit Wölfen und Hunden arbeiten, welche Fragen und Ziele wir haben und warum die Haltung von Hunden in Rudeln ein essentieller Teil unserer Arbeit ist.

Gerade dieser Ansatz macht uns zu einer weltweit einmaligen Forschungsinstitution!

Warum Wölfe & Hunde?

Aragorn liegt zwischen mehreren Welpen.
Aragorn wird von mehreren Welpen stürmisch begrüßt.

Unser wissenschaftliches Interesse kreist um die Fähigkeit und Bereitschaft von Wölfen und Hunden zur Zusammenarbeit und welche geistigen Fähigkeiten sie dazu einsetzen. Kurz, es geht um die kognitiven und kooperativen Fähigkeiten von Wölfen und Hunden, vor allem auch im Zusammenhang mit ihren Sozialbeziehungen zu Artgenossen und zu menschlichen Partnern.

Ein höchst relevantes und spannendes Forschungsfeld, denn immer noch ist es rätselhaft, warum gerade der Wolf in der vielfältigen Gestalt der Hunde zum engsten Tierkumpan der Menschen wurde. Diese Langzeitbeziehung mag in den ähnlichen Lebensstilen der beiden Arten als Jäger und Sammler liegen. Wölfe wie Menschen kooperieren gut innerhalb ihrer Klans auf der Jagd, bei der Fürsorge für ihren Nachwuchs, aber auch in teils grausamen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn.

Wir Menschen kooperieren nahezu immer und überall: wir helfen guten Freunden beim Umziehen, passen auf die Kinder unserer Bekannten auf und bauen zusammen Häuser. In der Wirtschaft kooperieren wir oft mit Partnern, die wir nicht einmal kennen. Diese kooperative Einstellung der Menschen entwickelt sich schon in der frühen Kindheit und hebt Menschen gegenüber allen anderen Tieren hervor, wie man bislang annahm – oder vielleicht doch nicht?

Wölfe interessieren uns aber nicht nur wegen ihrer menschenähnlich kooperativen „Einstellung“, sondern vor allem auch, weil der Wolf die Stammform seiner domestizierten Abkömmlinge, der Hunde ist. Wir wollen daher untersuchen, was während der Domestikation mit den kognitiven und kooperativen Eigenschaften von Hunden im Vergleich zu Wölfen geschehen ist. Unter „Domestikation“ verstehen wir dabei jene genetischen Veränderungen, vorwiegend aufgrund der Selektion auf Zahmheit, die zu einer Anpassung einer bestimmten Art an ein Leben in einer menschenbestimmten Umgebung führt. Nicht als Domestikation gilt etwa menschensozialisiertes Aufwachsen. So sind unsere Wölfe trotz ihres Sozialbezugs auf uns Menschen keineswegs „domestiziert“; es handelt sich um zahme Wildtiere.

Hunde sind als domestizierte Wölfe wichtige Partner, Helfer und Assistenten der Menschen geworden. Sie spielen unterschiedliche Rollen in unserem Leben, nicht nur aufgrund ihrer überragenden Sinnesleistungen, sondern vor allem wegen ihrer außerordentlichen Lern- und Anpassungsfähigkeit, auch an unser Sozialleben.

Ein Hund wird als Teil einer Familie dargestellt.
Der Hund ist ein wichtiger Sozialpartner.

Hunde ...

  • bewachen unsere Wohnstätten
  • unterstützen Menschen mit besonderen Bedürfnissen
  • sind effektive Assistenten in Therapien und in der Pädagogik
  • helfen bei der Polizeiarbeit und bei der Jagd
  • und sind in unserer Gesellschaft vor allem wichtige Sozialpartner.

Hunde sind keineswegs nur lernfähige Sklaven. Sie können ihre mentalen Fähigkeiten auch eigenständig einsetzen, eigene Entscheidungen treffen und profilieren sich damit als echte Partner.

Fähigkeit und Wille zur Zusammenarbeit gilt als Basis und Kern des Sozialsystems sowohl der Menschen als auch mancher Hundeartiger, wie Wolf, afrikanischer Wildhund oder indischer Rothund. Daher sind  Wölfe und Hunde hervorragende Modellsysteme, um Kooperation mit Artgenossen und mit Menschen zu untersuchen und zu ergründen, inwieweit die Domestizierung bzw. das Zusammenleben mit dem Menschen diese Fähigkeiten beeinflusst hat.

Damit sind Wölfe und Hunde auch gute Spiegel für die „Conditio humana“. Denn nur, wenn wir die außergewöhnlichen kooperativen Fähigkeiten von Menschen mit denen von Tieren vergleichen, können wir folgende Schlüsseleigenschaften der Menschen besser verstehen:

  • die sozialen und psychologischen Mechanismen von Kooperation
  • den evolutionären Ursprung
  • und die funktionale Relevanz (wer profitiert wann? ...).

Viele offene Fragen

Was machte Wölfe zu den erfolgreichsten Top-Prädatoren, bevor sie vom Menschen zurückgedrängt wurden?
War es ihre Intelligenz, ihr sozialer Zusammenhalt, ihre Fähigkeit zu kooperieren?
Und löste der ähnliche soziale Lebensstil von frühen Menschen und Wölfen, ihre gemeinsamen Interessen und ihre Kooperationsbereitschaft die „Hundwerdung“ der Wölfe aus? War es umgekehrt die große Ähnlichkeit der Menschen zum „Bruder Wolf“ der steinzeitlichen Jäger und Sammler, die zur Konkurrenz und zur Verdrängung der Wölfe führte?

Viele Menschen sind sehr daran interessiert zu verstehen, warum und wie sich Wölfe in Hunde wandelten und warum gerade Hunde zu den engsten Tierkumpanen des Menschen wurden. Und viele Menschen sind aus nicht ganz klaren Gründen immer noch leidenschaftlich an Wölfen interessiert – warum eigentlich?  Unsere wissenschaftliche Forschung an Wölfen, Hunden und Menschen wird dazu beitragen, diese Fragen zu beantworten.

Ein Hund und im Vergleich ein Wolf dahinter
Wodurch wurde der Wolf zum Hund? Aragorn (Wolf) im Hintergrund, Kendra (Hund) im Vordergrund.

Zu unseren zentralen Fragen zählen:

Ermöglichen die Eigenschaften des „Wolfs im Hund“, dass Hunde so hervorragend mit Menschen kooperieren können und wollen? Oder sind vielmehr die über Domestikation neu erworbenen sozialen Fähigkeiten der Hunde dafür verantwortlich? Oder aber ist es ein Gemisch alter und neuer Eigenschaften?

Wodurch unterscheiden sich Hunde von Wölfen, was haben sie mit ihnen gemeinsam?

Wie hängen geistige und kooperative Fähigkeiten von Wölfen und Hunden mit ihren sozialen Beziehungen zusammen, untereinander, oder zu den Menschenpartnern?

Und wie hängen die Beziehungen zwischen Hunden und Menschen ab von der frühen Sozialisierung und vom Training der Hunde sowie von den sozialen Eigenschaften des menschlichen Partners?

Welche Einstellungen zeigen Menschen zu Wölfen im Vergleich mit Hunden?

Ganz besonders sind wir daran interessiert, wie soziale Beziehungen die geistigen Leistungen von Hunden und Wölfen, sowie deren Kooperationsbereitschaft beeinflussen.
Fragen über Fragen – wir werden in den kommenden Jahren versuchen, die „stimmige“, also im Sinne der wissenschaftlichen Arbeitsmethode gültige Antworten zu finden. Und dabei mit Sicherheit eine Fülle neuer und spannender Fragen generieren. Denn auch „objektive Forschung“ bleibt immer Wechselspiel zwischen dem „was ist“ und Erkenntnisbedarf und -fähigkeit von Individuum und Gesellschaft.

Unsere Forschungsziele

Am Wolfsforschungszentrum wollen wir uns auf die für die Grundlagenforschung spannendsten Fragen konzentrieren (oben). Die sind es dann auch, die zu einem besseren Verständnis von Wölfen, Hunden und der Mensch-Hund-Beziehung beitragen können. Hauptziel des ist es daher, vergleichbare Daten zur Intelligenzleistung und Kooperationsfähigkeit an Wölfen und Hunden zu erheben. Und wie diese Leitungen mit der Beziehungsebene und mit der wechselseitigen Wahrnehmung von Wölfen, Menschen und Hunden verwoben sind.

Das Forschungsdreieck des WSC
Die Forschung am WSC lässt sich im Beziehungsdreieck zwischen Wolf, Hund und Mensch zusammenfassen.

Damit leisten wir aber auch unseren Beitrag zum Verständnis zentraler Eigenschaften des Menschen:

  • der sozialen Intelligenz,
  • der Kooperationsfähigkeit und
  • der sozialen (Beziehungs-)Psychologie.

Eine objektive Sicht des Wolfs und der Mensch-Hund-Partnerschaft wird für die menschliche Gesellschaft immer wichtiger. Sowohl in Richtung einer verbesserten Hundeausbildung und Mensch-Hund-Teambildung, als auch als rationale Basis des Einsatzes von Hunden in der tiergestützten Therapie, als Suchhunde bei Katastrophen, Polizeihunde usw.

Ob es je wieder ein nachhaltiges Zusammenleben zwischen Wölfen und Menschen in Österreich geben wird, hängt vor allem auch von den Einstellungen der Menschen zu Wölfen ab. Wir haben uns vorgenommen, diese Einstellungen zu erheben und durch möglichst objektive Informationsarbeit daran mitzuwirken, das Bild vom Wolf sachlich richtigzustellen.

So erwarten wir einen positiven Einfluss unserer Arbeit auch auf angewandte Bereiche, wie etwa

  • die Auswahl und das Training von Hunden,
  • die Mensch-Hund Partnerschaft,
  • den Einsatz von Hunden im Bereich verschiedener Therapien, sowie
  • auf die Einstellung der Gesellschaft den Hunden und Wölfen gegenüber.

Vergleichbare Voraussetzung für Wölfe und Hunde

Um unsere Forschungsziele zu erreichen, ist es überaus wichtig, dass wir die gleichen Voraussetzungen für Wölfe und Hunde schaffen. So will man ja nicht wirklich Äpfel mit Birnen vergleichen. Daher kann man Haushunde, die 24 Stunden mit ihrem Frauchen oder Herrchen verbringen, nicht wirklich mit Gehegewölfen vergleichen, nicht einmal dann, wenn letztere täglich mit Menschen in Kontakt kommen, wie es am WSC der Fall ist.

Haushunde machen ganz andere Erfahrungen – sie gehen mit in die Stadt, zur Arbeit, zu fremden Leuten, schlafen auf dem Sofa (oder auch im Bett) und werden durch die ständige Präsenz „ihrer“ Menschen ganz anders erzogen und trainiert, als Tiere im Gehege. Gehegewölfe machen diese Erfahrungen in der Regel nicht und werden daher in vielen Situationen ganz anders reagieren als unsere Haushunde, was allerdings nichts mit einem genetischen Unterschied zu tun haben muss, sondern rein durch die Erfahrung erklärt werden könnte.

Daher ist es für uns sehr wichtig, dass wir auch Hunderudel halten, die möglichst gleich aufgezogen und trainiert werden wie unsere Wölfe – nur so können wir gültige Rückschlüsse aus den Unterschieden, die wir beobachten und in unseren Tests ergründen, auf die genetischen Unterschiede der Tiere machen.

Mit wirklich vergleichbaren Wölfen und Hunden zu arbeiten, ist eine der großen Errungenschaften des WSC, ein Grund für seine weltweit einzigartige Sonderstellung.